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Die Sprache als Werkzeug der Erkenntnis

Fachtagung: Förderung in der deutschen Sprache als Aufgabe des Unterrichts in allen Fächern (Landesinstitut NRW, Soest, 1. - 3. Dezember 1999)

Thesen:

(1) Fachunterricht ohne sprachliche Tätigkeiten und Fähigkeiten?  - Ein Gedankenexperiment

Der Fall: Eine Physikstunde in der Sekundarstufe I: Wie kommt es, daß ein Flugzeug in der Luft bleibt? Oder: Was ist “Auftrieb”?

Problem: Läßt sich ein Experiment denken, planen, ausführen und auswerten, ohne daß sprachliche Kommunikation im Spiel wäre? Ginge es ohne die Sprache, die Schrift, ohne bildsprachliche, graphische, formalsprachliche Darstellungsmittel? Wie würden die am Experiment Beteiligten ihre Absichten, Ziele, Planungen, Versuche, Auswertungen koordinieren? Wie würden sie ihre Wahrnehmungen, Beobachtungen, Erkenntnisse, Einsichten aufeinander abstimmen? Wie wüßten sie, auf was sie beim gemeinsamen Handeln Bezug nehmen? Wie wäre so etwas wie Lernen und Wissen dann möglich?

These 1: Ohne Medien der Kommunikation (die Sprache, die Schrift, graphische, formale usw. Notationssysteme) kann es kein kooperatives Handeln, kein kollaboratives Lernen geben.


(2) Fachunterricht bedarf sprachlicher Tätigkeiten und Fähigkeiten! - Vor allem dieser:

Wahrnehmungen mitteilen können
Beobachtungen zur Sprache bringen können
Sachverhalte darstellen können
Behauptungen begründen können        
Feststellungen treffen können
Sachverhaltsdarstellungen interpretieren und formulieren können
Lesen und schreiben können (Texte, Bilder, Grafiken, Filme, ...)
Sich fachsprachlich verständigen können
Fachsprachliche Begriffe verstehen und gebrauchen können
Formalsprachliche Notationen (bes. prädikatenlogische, programmiersprachliche lesen und schreiben können    
...            

Problem: Wie eignen sich Lernende die (fach)sprachlichen Mittel der Kommunikation über fachliche Sachverhalte an? Wie verläuft ihre fachliche Begriffsbildung? Wie kommen sie von den alltagssprachlichen zu den fachsprachlichen Darstellungen und Verständnissen der Probleme?

These 2: Die Einführung in fachsprachliche Unterscheidungen ist ein wesentliches Moment des fachlichen Unterrichts. Und: sich in einem Fach in der Sache einen Begriff von etwas zu machen, heißt ganz wesentlich auch: zwischen alltagsweltlichen und fachweltlichen Unterscheidungen zu unterscheiden lernen. Das geeignete Lehr-Lern-Verfahren ist ein sprachkritisches: Schülerinnen und Schüler sollten lernen, daß es (fachliche) Vokabulare gibt, die aufgaben- und problemspezifisch sind - und eben deswegen gerade nicht mit den Vokabularen der alltäglichen Erfahrungswelt gleichgesetzt werden können. (Sie sollten allerdings auch lernen können, daß die Alltagssprache durchsetzt ist mit fachsprachlichen Vokabularen der Traditionen der Wissenschaften...)

Erläuterung:  Die Praxis der Begriffsbildung und Begriffskritik ist eine sprachanalytische: Sie macht explizit, wie wir über fachliche Sachverhalte implizit denken und reden, während wir darüber denken und reden. Die Sprachanalyse ist, so ließe sich auch sagen, eine dialogische, eine soziale Praxis der rationalen Rekonstruktion dessen, was wir in fachlichen Handlungs- und Argumentationszusammenhängen tun, sagen und denken. Wir bringen damit zum Ausdruck, arbeiten damit heraus, was wir beim fachlichen Handeln, Reden und Denken im Kopf haben. (Brandom 1994) Und wie können wir dabei wissen, was wir im Kopf haben? Abbildtheoretische (repräsentationalistische) Sprachtheorien suggerieren: indem wir in unseren eigenen Kopf gucken (oder gucken lassen). Aber - das ist bei näherer Betrachtung nichts, was den Gedanken sprachlicher Repräsentationen von gedanklichen Repräsentationen neuronaler Repräsentationen abbildtheoretisch rechtfertigen würde: der Repräsentationalismus ist kognitionswissenschaftlich gesehen science fiction. (Schwemmer 1997) "Language makes minds of our brains." (Dennett 1997)


(3) Das “Wechselverhältnis zwischen fachlichem und sprachlichem Lernen” sollte medientheoretisch verstanden werden!

Kritik: Zwei immer noch übliche (abbildtheoretische) Vorstellungen sind in Frage zu stellen: Weder ist die Sprache ein Werkzeug, daß uns den unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit verstellt (oder erschwert); noch ist sie ein Werkzeug, daß unseren eigentlichen Zugang zur Wirklichkeit bestimmt. Die Sprache ist, die Sprachen sind vielmehr Medien der Darstellung der Wirklichkeit; in ihnen artikulieren wir - anderen und uns selbst gegenüber - unsere Wahrnehmungen und Auffassungen dessen, was für uns der Fall ist. (Davidson 1997; 1993)

These 3: Sprache, Schrift und die weiteren Medien sind aber keineswegs nur Verständigungsmittel; sie sind darüber hinaus auch Denkwerkzeuge. Sie ind zugleich kommunikative und kognitive Tools. (Clark 1997) Das problembezogene fachliche Denken gewinnt eine für andere und für uns selbst faßbare Gestalt im (wort-, bild-, zeichen- notations- usw.) sprachlichen Ausdruck. Das fachliche Denken findet seinen Ausdruck in symbolischen Darstellungen (in “symbolischen Repräsentationen”) - aber es geht nicht in in ihnen auf!

Erläuterung: Die Schrift war (und ist!) ein sehr wesentliches Medium fachlichen und wissenschaftlichen Denkens: Das Denken hinterläßt gewissermaßen Spuren auf dem Papier ,es wird externalisiert - und eben das ermöglicht uns einen anderen Umgang mit unseren Gedanken. Wir können uns zu unseren Gedanken anders verhalten, können auf andere Weise über unser Denken nachdenken; höherstufiges Denken wird möglich. (Clark 1997; 1998) Eben deswegen ist fachliches Lernen ohne Sprach- und Schriftkompetenz nicht denkbar, nicht lern- und lehrbar. (Alle modernen Institutionen der Bildung und Ausbildung sind ohne Schrift schlicht undenkbar.) (Goody 1990; Ong 1987)

Eine Folgerung: Redet um Sachen! - Ja, in problemrelevanten, problemangemessenen verständlichen Sprachen!


(4) Die Medialität der kommunikativen und kognitiven Prozesse (und Strukturen) ist das Faktum, das auch das Lernen und Lehren in den Sachfächern (endlich) zur Kenntnis zu nehmen hat!

Problem, nochmals: Lernende haben es heute allen möglichen medialen Darstellungen von (fachlichen) Sachverhalten zu tun: mit verbalen, literalen, pikturalen, multi- und hypermedialen. Wie können sie dann ein Verständnis von, einen Begriff von der Sache selbst entwickeln?

These 4: Gerade auch im Sach- und Fachunterricht sollten Lernende die Chance haben können, die mediale Formung der Darstellung und des Verständnisses von Sachverhalten (in Lehrbüchern, in Lernmedien) begreifen zu lernen. Sie sollten, reichlich bildlich gesagt, die medialen Brillen zu sehen lernen, durch welche sie sehen lernen sollen - und können. (Krämer 1998)

Erläuterung: Dabei ist medienanalytisches und medienkritisches Können und Wissen unerläßlich - auch für die Lehrenden. Es ist eine Illusion, daß medial indifferente Verbalisierungen und Visualisierungen fachlicher Sachverhalte möglich sind. Und es ist eine Fiktion, mit medienneutralen Problem- und Gegenstandsdarstellungen arbeiten zu können. (Nehmen Sie, zum Beispiel, die wort- und bildsprachlichen Darstellungen geografischer Sachverhalte in den Erdkundebüchern wie Länder und Völker: Texte, die sich bestimmten literarischen Abbildungen, die sich bestimmten ästhetischen Traditionen verdanken...)  

Eine Folgerung: Lehrerinnen und Lehrer sollten mit den medialen Traditionen, Konventionen und Innovationen der Darstellung fachlicher, fachwissenschaftlicher Sachverhalte vertraut (gemacht) sein.


(5) Was sich am Unterricht ändern sollte, um das so verstandene “Wechselverhältnis zwischen fachlichem und sprachlichem Lernen” zu “optimieren”

These 5: Das fachsprachliche Können sollte gefördert werden; allerdings gilt: Einübung statt Belehrung! Das fachsprachliche Wissen sollte gefördert werden; allerdings: am besten in einem die Sprach- und Sachfächer übergreifenden problemzentrierten und projektorientierten Unterricht!

Und wie? Darüber wäre in der AG nachzudenken!


(6) Materialien: Das zeichen- und medientheoretische Basiskonzept

Nach Seel, M.: Bestimmen und Bestimmen lassen. Anfänge einer medialen Erkenntnistheorie. In: DVPhil Berlin 46, 1998, 3; 351 -365.

Davidsons Perspektive (Davidson 1997): “Seeing through Language”:
"We see the world through language; but how should we understand this metaphor?" (Davidson 1997; 15) Die "role of language in our thinking about the world" (17): "that language is opaque, hiding the real thing from us"; "that language is a translucent medium, leaving its own character written on everything in its domain"; "that language is transparent, a medium that can accurately represent the facts". (Davidson 1997; 17)

Aber: "language is not a medium through which we see; it does not mediate between us and the world. (...) Language does not mirror or represent reality, any more than our senses present us with no more than appearances." (Davidson 1997; 18) "We do not see the world through our eyes, but with them. (...) The is a non-metaphorical point of my titel. There is a valid analogy between having eyes and eares, and having language: all three organs with which we come into direct contact with our environment. There are not intermediaries, screens, media, or windows." Und: "there is no such thing as a language apart from from the sounds and marks people make, and the habits and expectations that go with them." (Davidson 1997; 18) - Also: die Sprache ist so etwas wie ein Wahrnehmungs-, Unterscheidungs-, Bestimmungsorgan.


(7) Literaturhinweise

Brandom, R. B.: Making It Explicit. Reasoning, Representing, and Discursive Commitment. Cambridge (Mass.) 1994.

Clark, A.: Beeing There. Putting Brain, Body, and World Together Again. Cambridge, Mass. 1997.

Clark, A.: Magic Words: how language augments human computation. In: Carruthers, P./Boucher, J. (eds.): Language and Thought. Interdisciplinary Themes. Cambridge 1998; 162 - 183.

Davidson, D.: Subjektiv, Intersubjektiv, Objektiv. In: Merkur 11/1991; 999 - 1014. (Wieder abgedruckt in: Davidson, D./Fulda, H.-F.: Dialektik und Dialog. Frankfurt am Main 1993.)

Davidson, D.: Seeing through Language. In: Preston, J. (ed.): Thought and Language. Cambridge 1997.

Dennett, D. C.: "Language makes minds of our brains." Times Literary Supplement No. 4940, 1997; 10.

Goody, J.: Die Logik der Schrift und die Organisation von Gesellschaft. Frankfurt am Main 1990. (Original: 1986.)

Krämer, S.: Was ist ein Medium? Geistes- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Von der sprachkritischen zur medienkritischen Wende? Ein Kommentar zur Mediendebatte in sieben Thesen. (Internet 1998.)    

Ong, W.: Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. Wiesbaden 1987.

Schwemmer, O.: Der menschliche Geist: Ein "Phänomen" zwischen den Phänomenen. In: ders.: Die kulturelle Existenz des Menschen. Berlin 1997; 96 - 117.    

Seel, M.:  Vor dem Schein kommt das Erscheinen. Bemerkungen zu einer Ästhetik der Medien. In: Merkur 9/10/1993; 770 - 783.

Seel, M.: Medialität der Realität und Realität der Medien. In: Krämer, S. (Hg.): Medien - Computer - Realität. Fankfurt am Main 1998; 244 - 268.